Leipzig (1537-1541)
DIE PLEIßENBURG
Sie zogen am Ufer der Whyra
Über die vertrauten Wiesen hinweg,
Wo sie an manchem lauschigen Fleck,
Ob mit Flöte, Laute und Lyra,
Oder mit Feder und Papier
In die saftigen Gräser sanken,
Wohl etliche Becher Rebensaft tranken
Und manchen vollen Krug mit Bier,
Um sich den Musen hinzugeben,
Die doch beide oftmals küßten,
Oder um mit freudigen Gelüsten
Einfach aus dem Alltag zu schweben.
Sie kamen durch dichte Wälder geritten,
In denen sie einst, mutig und stolz,
Mit übergroßen Schwertern aus Holz
Gegen unsichtbare Feinde schritten
Und auf Bäume und Büsche einschlugen,
Die doch riesige Heere waren,
Und wo später sie auf Zweigenbahren
Ihre Getreuen zu Grabe trugen,
Um ach danach mit Rachegedanken,
Getragen von kindlichem Erdichten,
Fast den ganzen Wald zu lichten,
Bis sie erschöpft zusammensanken.
Sie überquerten Hügel und Höh’n,
Auf denen sie früher verweilten,
Als beide sich ihr Seelenleben teilten,
Ob traurig, schaurig oder schön
Und von der weiten Ferne sprachen,
Die sie eilends doch zu sich rief.
Uns während oft schon alles schlief,
Sie ins Meer der Sehnsucht stachen,
Um Abenteuerfluten zu bestehen,
Die durch ihre Träume flossen,
Wohl um klagend und verdrossen,
Danach wieder ins Land zu sehen.
So kamen sie von jenen Orten
Bald bis nach Borna hinein
Und ritten darauf durch Espenhain
Und Rötha in den Norden.
Sie durchquerten Markkleeberg und Connewitz
Und näherten sich, mit Neugier sehr,
Der Pleißenburg von Süden her,
Dem Wettiner Schloß und Landessitz,
Deren sich das Leipzig empörte.
Häßlich, trutzig und ungeliebt,
Von feindlichen Blicken täglich durchsiebt,
Sie noch nie zum Stadtbild gehörte.
Und im dämmernden Abendlicht,
Mit Ehrfurcht nun zuhauf,
Blickten sie die dunkle Burg hinauf,
Als des Reisenden leidige Pflicht. |