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Der Gegenwartsspiegel

Anklage

Warum stöhnst du, von Leid geplagt,
Bist ein Täter doch für diese Misere,
Du stürztest uns in des Notes Schwere,
Die allen nun die Hoffnung versagt.

Wo ist die Freude, die dich einst zierte,
Spürst die Schuld für deren Verbrechen,
Du glaubtest blind an ihr leeres Versprechen,
Das letztlich nur nach Stimmen gierte.

Wieso schweigst du, von Scham bedeckt,
Sollst reuig ein wütendes Wort verlieren,
Du ließest sie üppig unser Land regieren,
Das jetzt tief in der Kriese steckt.

Und erneut muß ich, von Vernunft geleitet,
Den Schmach einer Minderheit erdulden.
Ist es nicht einzig nur deren verschulden,
Daß sich das Loch des Elends weitet.


Die Begegnung

Als wieder ich in der Dunkelheit saß,
Der Tag schon langsam frühte,
Als Rage das letzte Verständnis zerfraß,
Dessen ich mich verzweifelnd bemühte,
Als man die Freuden des Lebens vergaß,
Aus dem Haß nur die Gewalt erblühte,
Entwich mir ein lautes Weheklagen,
Von unbändigem Zorn zum Himmel getragen:

"Oh, wenn ich all das sinistre Elend sehe,
Wie die Menschheit nach Verderben giert,
Wie in Sehnsucht nach des Erdwurm Nähe,
Der Untergang aus der Ferne stiert
Und sich des Gequälten winselndes Geflehe
Im endlosen Meer der Schreienden verliert!
Wie lange noch läßt man uns verweilen,
Bis gänzlich wir in die Vernichtung eilen?"

Und während meine Worte ins Weite streben,
Der Klageruf in die Finsternis schallt,
Erscheint, von grauen Brodem umgeben,
Eines alten Mannes verschwommene Gestalt,
Die, als würde sie auf Wolken schweben,
Majestätisch durch die Lüfte wallt.
Und als meine Gedanken nach Aufschluß sinnen,
Klärende Sätze seinem Munde entrinnen:

"Ich bin der Schöpfer aus fernen Tagen,
Den ihr Menschen euren Herrgott nennt,
Jener Gebieter über das Reich der Sagen,
Das nur der Geist der Entseelten kennt,
Der sich, auf sanften Armen fortgetragen,
Von seiner irdischen Hülle trennt.
Dein Wutgebärde und trauriges Fluchen
Ließen gierig mich diese Begegnung suchen.

Sag, Warum schaust du so finster drein,
Solltest dich doch des Lebens freuen,
Trübst der Augen Glanz und Schein,
Als könntest du einen Blick bereuen!
Was läßt dich einen Leidenden sein
Und ekelnd vor deinesgleichen scheuen?
Sag, wer läßt dich in Kummer versinken,
Dein Lächeln in zahllosen Tränen ertrinken!"

Daß diese Erscheinung zu mir spricht,
Kann wohl nur einem Traum entspringen,
Einem Alpdruck mit dunstigem Irrelicht,
Wo die Totengeister das Unglück bringen,
Wo die Hoffnung auf Entrinnen zerbricht,
Wenn deren Arme deine Beine umschlingen.
Und um des Verstandes Klahrheit zu erlangen,
Bin ich auf das Trugbild zugegangen.

Doch als meine Hand im Nebel versinkt,
Der den Fragenden so schauerlich umhüllt,
Die Ernüchterung in die Gedanken dringt,
Das Unheimliche nun das Bewußtsein erfüllt
Und die Wirklichkeit die Fiktion verschlingt,
Die bis dahin mein Gemüte gestillt.
Doch trotzend der Angst, die mir zugegen,
Ward ich um keine Antwort verlegen:

"Du bist der Grund meiner tiefen Gram,
Daß die Seele von Trauer befleckt,
Daß nur mehr von Sorgen begleitete Scham
Mein einst so fröhliches Gesicht bedeckt,
Dessen getrübter Blick, müde und lahm,
Wohl des Betrachters Besorgnis weckt.
Dein Nichtstun und dein blindes Gedulden
Die Verbitterung und Wehmut verschulden!

Erklär´ mir den Zweck der Sinnlosigkeit,
Die vom feuchten Hauch der Tränen umweht,
Daß in einer Welt voller Gier und Neid,
Einzig allein der Nachgiebige vergeht
Und lachend eine skrupellose Minderheit
Auf der mächtigen Seite der Sieger steht.
Sind nur die Gebrechlichen Opfer der Sünden,
Die deine Pfaffen so inbrünstig verkünden?

Solltest du nicht behüten und schlichten,
Die Streithähne friedlich zusammenführen
Und Blutgedanken schon im Keime ersticken,
Die wahrlich nur einem Peiniger gebühren?
Solltest du nicht auch klagen und richten,
Daß ebensolche eine Strafe spüren?
Willkür und Rache die Hoffnungen zerstören,
Die letztlich noch einem Träumer gehören.

Denn du übst Dich im ehernen Verweilen,
Wendest schuldlos die Augen zur Seit´,
Könntest dem Schwachen zu Hilfe eilen,
Der lauthals nach einen Beistand schreit!
Solltest du nicht sein Elend teilen,
Sein Unglück nehmen, seine Mutlosigkeit?
Willst du ihn etwa mit Einsamkeit quälen,
Sein sanftes Gemüt nur mit Schmerzen stählen?

Warum muß der Friedsame qualvoll sterben,
Von Soldatenhänden niedergestreckt,
Muß sich die Erde erst blutrot färben,
Daß es dich aus dem Schlafe schreckt?
Nenn mir den Nutzen von Tod und Verderben,
Der nur die Schwachen unter sich bedeckt!
Sind nicht genug der Tränen geflossen,
Der wallenden Lebenssäfte vergossen?

Und warum soll der Unschuldige leiden,
Daß er im Fieber wütender Seuchen verdorrt,
Daß ihn unheilbare Gebrechen begleiten!
Gleicht dein Zusehen nicht einem Mord?
Wie kannst du dich an seinem Ableben weiden,
Ohne ein Mitgefühl, einem tröstenden Wort.
Sind wir Menschen deiner Prüfungen Sklaven,
Die einzig mit peinlichen Pflichten strafen?"

Wohl um die Schwere der Worte bedacht,
Ließ ich ihn mit den Vorwürfen ringen.
Hat er alleinig doch die höhere Macht
Eine friedlichere Welt zu erzwingen,
So soll, von eines Erdling Unmut entfacht,
Er sich endlich als rettender Helfer verdingen.
An Duldsamkeit schwach, in des Ärgers Fängen,
Wollt ich ihn letztlich zu einer Antwort drängen.

"Verzeih mir mein fehlendes Taktgespür,
Mein wildes Gift und Galle speien,
Aber gleich einem vernichtenden Geschwür
Die Gewalt und das Elend gedeihen,
Und bist du auch nicht der Grund dafür,
So könntest du uns sicher davon befreien.
Den Glauben an dich, der einst geschworen,
Hab ich an die grausame Wahrheit verloren!"

Und dachte ich noch zu jener Stund´,
Meine Anklage könne seinen Stolz verzehren,
Wie ein begehrlich schluckender Schlund,
So ließ ich mich doch eines besseren belehren,
Denn einzig ein Schmunzeln auf seinem Mund
Wollte er mir, wie zum Spotte, entbehren.
Will er meine Entrüstung mit Hohngelächter lindern,
Weil mich Sterblichkeit und Ohnmacht verhindern?

Du hast mir wahrlich ein Trübsal genannt,
Doch mußt du auf meine Hilfe verzichten.
Ich bin nicht der hiesigen Erdbürger Garant,
Darf für die eurigen Taten entrichten.
Und soll das eigentliche Problem verbannt,
Müßt´ man die Hälfte der Menschheit vernichten!
Glaubst du ich kann dieses Schauspiel genießen?
Meiner Schuldigkeit sind die Grenzen gewiesen.

Nur ihr ganz allein habt die Fähigkeit,
Daß strafende Richtschwert zu wetzen,
Das den hochlodernden Unfrieden entzweit.
Nur ihr besiegt das wachsende Entsetzen,
Denn gegen Unrecht und Gewalttätigkeit
Hilft einzig ein Gros an zwingenden Gesetzen.
Und keiner kann je das Leid überstehen,
Wenn die Nächsten den Kopf zur Seite drehen.

Ist dies nach Unglück lüsternde Bestreben,
Im Grunde nicht eurer Gesellschaft Spiegelbild,
Glaubt ihr Menschen an ein Überleben,
Wenn nur noch Selbstsucht aus dem Herzen quillt?
Würden sich mehr aus deinen Reihen erheben,
Der Drang nach Vernichtung könnte gestillt.
Das des Widersachers klägliche Scheitern,
Wird indes nur eine träge Masse erheitern!

Und überdies sind Siechtum und Gebrechen
Keineswegs Launen einer höheren Macht,
Die die steigende Ungläubigkeit rächen.
Vielmehr sind sie von der Natur entfacht,
Um die sündige Blasiertheit zu zerbrechen,
Die nur der Mensch sich zu eigen gemacht.
Gleichwohl der Flucht in Blindheit und Lügen,
Müßt ihr euch doch einem Kreislauf fügen."

Der wabernde Nebel sich plötzlich lichtet,
Noch bevor seine harten Worte verklingen,
Und dort, wo ich ihn vordem gesichtet,
Die Augen nun die Dunkelheit durchdringen.
Ist er uns bloß zu Phrasen verpflichtet,
Die weder Hilfe noch Zuversicht bringen?
Tief enttäuscht und vor Müdigkeit trunken,
Bin ich langsam in Morpheus’ Arme gesunken.

Nach einer kurzen und traumreichen Nacht,
Diktiert von wildem Brennen und Henken,
Bin im Schweiße gebadet ich erwacht
Und muß sogleich an die Begegnung denken.
Ist Sie doch nur von Phantasien erdacht,
Die den Verstand in den Wahnsinn lenken?
Während die Gedanken das Innerste zerwühlen,
Muß ich die Wahrheit seiner Sätze fühlen.

Denn die der Medien Nachrichtenwogen,
Als Morgengrüße auf uns Menschen gehetzt,
Sind einzig von Krieg, von Raub und Drogen,
Von Vergewaltigung und Mordlust besetzt.
Und nur der Täterkreis, brutal und verlogen,
Die milde und feige Rechtssprechung schätzt.
Was muß uns noch die Tatsache beteuern,
Daß wir hin zu einem Abgrund steuern!

In Hilflosigkeit und traurigem Befinden,
Geb letztendlich ich die Hoffnung auf,
Daß Eigensinn und Stumpfheit verschwinden.
Will sich eine unrühmliche Mehrheit zuhauf
Vor der Verantwortung krümmen und winden,
Nimmt das grausame Unheil seinen Lauf.
Wenn sich auch nur wenige in Kummer verzehren,
So sollte Er doch allein die Ignoranten bekehren!


An einen Verstorbenen

Wieder zieht es mich hinaus,
Zu dem Ort, der dich mir weggenommen,
Und als hoffend ich dort angekommen,
Brechen Leid und Trauer aus,
Rollen Tränen feucht die Wangen herab
Und tropfen leise auf ein einfaches Grab,
Im Schatten des Gotteshaus’.

Und wie die Tage auch zuvor,
Muß ich die Wahrheit bitter ertragen,
Daß, im plötzlichen Kampf geschlagen,
Ich dich an den Tod verlor,
An jenen Gevatter, der von Schicksal ungerührt,
Jeden der Menschen von den Lebenden führt,
Zu dem im Jenseits stehenden Tor.

Doch warum mußtest du es sein,
Der von all den Sterblichen auserkoren,
Dessen Frau und Kinder den Mut verloren,
Als du sie ließest allein,
Und obwohl sie von dem Mitleid zehrten,
Sich weinend von der Hoffnung ernährten,
Gefror ihre Welt zu Stein.

Ein Leben streicht erneut hinfort,
Den Bleibenden nur der Schmerz gelassen,
Als kalte Hände nach dessen Seele fassen,
Sie holen zu der Toten Ort,
Und eines Tages sie auch mich begehren,
Meine Liebenden mit Wehmut versehren,
Wenn mein irdisches Dasein verdorrt.